Historische Straßen im Landkreis Cham

Interview mit Stefan Aenhelt von Via Chamaria über die Erforschung alter Handelsstraßen im Landkreis Cham

Hohlweg-früher einmal eine Straße

Hohlweg-früher einmal eine Straße   Foto: Stefan Aehnelt

Seit einiger Zeit verfolge ich die Arbeiten von „Via Chamaria“. Die Fotos zeigen mir, dass wir auch schon oft alte Straßen überquert haben, ohne dies zu ahnen. Deshalb bin ich froh, dass Stefan Aehnelt bereit war uns ein paar Fragen zu seiner Arbeit zu beantworten. Das Alte nicht zu vergessen und zu archivieren ist eine wichtige Aufgabe, die leider nur allzu oft von wenigen Freiwilligen übernommen wird.

Sie betreiben die Webseite www.via-chamaria.de und es gibt auch noch eine Facebookseite mit gleichen Namen. Wir möchten Sie bitten, kurz zu beschreiben, um was es auf diesen Seiten geht und was es mit dem Namen auf sich hat.

Foto: Stefan Aehnelt

Foto: Stefan Aehnelt

Bei Via-Chamaria geht es um historische Verkehrswege in Ostbayern. Website als auch die Präsenz auf Facebook möchten zum einen Rechenschaft über die Altstraßenforschung geben, aber vor allem auch die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit für Altstraßen und unsere Arbeit erhöhen. Die in der Region noch existierenden Zeugnisse alter Verbindungen sind kaum wissenschaftlich erforscht und von großem historischen Wert. Daneben haben viele alte noch existierende Hohlgassen durchaus das Zeug zu schützenswerten Bodendenkmälern oder Biotopen.

Welchen Bezug haben Sie persönlich zum Landkreis Cham?

Ich bin hier geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Der Landkreis Cham hat sich wirklich von einer verschlafenen Grenzregion zu einer wirtschaftlich und touristisch gewichtigen Region gemausert. Auch wenn es seit der jüngsten Vergangenheit verstärkt Bestrebungen gibt, auch dem geschichtlichen Aspekt unserer Heimat etwas mehr Bedeutung beizumessen, so geht mir das persönlich nicht weit genug. Auch wenn man Cham nicht mit den alten Kulturlandschaften an Rhein oder Donau vergleichen kann, so ist es doch mitnichten geschichtsleeres Land. Hinsichtlich Archäologie und der touristischen Aufbereitung von historischen Stätten und Denkmälern rückt logischerweise erst einmal der Kostenfaktor in den Fokus. Aber es mangelt auch vielleicht etwas am Rückhalt in der Bevölkerung. Dabei kann Geschichte so spannend sein und mit wenig Aufwand Interessierten erschlossen werden. Auf unserer jüngst ins Leben gerufenen Facebook-Seite „Historisches Ostbayern in Bildern“ tauscht man sich über Geschichte aus; man kann hier viel Neues erfahren, viele Puzzlesteine, die ein Bild abrunden können. Hier haben uns die Niederbayern – was die Mitgliedszahlen anbelangt – übrigens einiges voraus. Auch im RegioWiki bekommt man von dort Informationen über im Prinzip jedes kleine Dorf. Diese Info vermisse ich in diesem Medium für den Landkreis Cham leider zur Gänze.

 

Foto: Stefan Aehnelt

Foto: Stefan Aehnelt

Wie entstand Ihr Interesse an alten Strassen und was genau ist daran denn für Sie so faszinierend?

Ehrlich gesagt kam ich zu dieser Profession wie die Jungfrau zum Kinde: Ich komme aus der römischen Geschichte und habe leider das Pech, auf dem quasi einzigen weißen Flecken der römischen Weltkarte zu leben. Ich liebe es, draußen in der Natur zu sein und fotografiere gern; seit ich meine Hündin Idefix hab, bin ich zwangsläufig noch mehr auf Achse. Weder ich noch mein Hund sind stupide Einmal-um-den-Block-Gassigeher. Wir erfreuen uns an neuem. Somit habe ich mir eine Betätigung gesucht, durch die ich meine Liebe zur Natur mit Geschichte und den Bedürfnissen von Idefix und natürlich meinen Drang, Unbekanntes zu erforschen, unter einen Hut bringen kann. So bin ich bei den Altstraßen gelandet.

 

Was hat es mit dem „Projekt Via Chamaria“ auf sich?

Via-Chamaria befasst in einem ersten Schritt mit der Erfassung und Kartografie von Altstraßen im Landkreis Cham im Speziellen bzw. in Ostbayern im Allgemeinen. Ganz nach dem Vorbild der Schweizer, wo diese Arbeit bereits vor Jahren Staatsprogramm war und seitdem alle noch existierenden Trassen als Datenbank und auf Karten verfügbar sind. Ostbayern war historisch nicht unwichtig. Im Gegenteil führten hier einige äußerst wichtige Routen durch, sei es die wohl älteste Verbindung, die Feuersteinstraße aus dem Neolithikum, oder mehrere Salzstraßen oder andere Handelsrouten.
Der zweite Schritt wird dann sein, die Daten zu interpretieren und historische Überlieferungen mit wissenschaftlichen Tatsachen zu vereinen.

 

Sind sie alleine mit „Via Chamaria“ beschäftigt oder ist das eine ganze Gruppe, Mitstreiter, ein Verein?

Mittlerweile sind wir zu dritt. Die Technik zur Erfassung von Geodaten hat sich zudem inzwischen derart weiter entwickelt, dass man sie sinnvoll und zeitsparend nutzen kann und somit aus wissenschaftlicher Sicht vom Fleck kommt.

 

Foto: Stefan Aehnelt

Foto: Stefan Aehnelt

Ist es leicht an Daten, Unterlagen oder anderes Material über alte Strassen zu kommen, wo und wie recherchiert man eigentlich, wie hat man sich die Forschungsarbeit vorzustellen.

Das hängt ganz von der jeweiligen Behörde ab. Mittlerweile habe ich mir Quellen erschlossen, die einen gerne unterstützen. Auch wenn es Via-Chamaria noch nicht zu einem Verein geschafft hat, wie es ihn zum Beispiel im Nachbarlandkreis Schwandorf schon seit einigen Jahren gibt, bedeutet dies auf der anderen Seite ein unbürokratisches Vorankommen.
Recherchiert wird in Archiven und Bibliotheken, wo sich alte Karten oder zumindest Itinerarien, also Wegbeschreibungen, finden, die bedingte Informationen über Straßen enthalten. Eine Karte von Appian aus dem 16. Jahrhundert beispielsweise enthält neben dem Eintrag von Ortschaften ein grobes Relief und allenfalls wichtigen Furten oder Brücken. Genauer wird es dann mit den Poststreckenkarten (zum Beispiel von Thurn und Taxis) aus dem 18. Jahrhundert. Wirklich exakt waren dann aber erst jene Karten der ersten Bayerischen Landvermessung aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die König Max I. Josef wohl in erster Linie aus Gründen der Steuerschätzung erstellen ließ, die aber einen großen Wert haben. Will man jedoch wirklich alte Verbindungen aufspüren, so muss man raus ins Feld. Dort guckt man sich logische Möglichkeiten für Verbindungen von Ortschaften oder Regionen aus. Also bevorzugt Höhenrücken, Vermeidung von Niederungen und Feuchtgebieten etc. Dann sieht man dort nach, ob in dem betreffenden Areal Wege existieren. Für unsere Arbeit stehen uns mit Sogenannten Schummerungskarten inzwischen Laserscandaten zur Verfügung, anhand derer man dann das entsprechende Gebiet sichtet und entdeckte Wege anschließend in entsprechendes Kartenmaterial überträgt. Zusätzlich bieten Satellitenkarten unterschiedlicher Anbieter und Aufnahmezeitpunkte eine wertvolle Ergänzung, da sich so nicht selten zugeschüttete Hohlwege (die Verfüllung solcher Wege geschieht in der Regel mit vom umgebenden Boden unterschiedlichen Materials) durch eine typische Verfärbung am Boden ausmachen lässt. So ergibt sich allmählich ein Bild des Verlaufs der alten Trassen. 

 

Ich habe gelesen, dass Sie sich über Informationen und Hinweise aus der Bevölkerung bzl. Wegkreuzen und andere Hinweise die auf alte Strassen hindeuten, freuen. Was genau wären denn solche Hinweise, wie merkt man, dass es eben solche sind, usw. Gibt’s Beispiele für ganz typische Merkmale?

Hohlwege sind – wenn sie nur eine seichte Spur bilden – in der Tat oft nicht auf den ersten Blick erkennbar oder können mit Schleifspuren verwechselt werden, die charakteristisch für den Transport von Langholz sind. Hohlwege treten – vor allem wenn sie älter sind – meist als Hohlwegbündel auf. Das sind mehrere derartiger Spuren nebeneinander; je mehr, desto wichtiger die Verbindung. Das größte Problem bei Altstraßen ist die Datierung, da die Tiefe und Größe einer Hohlgasse von Faktoren definiert wird wie Verkehrsaufkommen pro Zeit, Art des Verkehrs (Saumtiere oder Wagen), Beschaffenheit des Untergrundes samt der Lage zum Wettereinfluss und die damit verbundene Erosion etc. Marterln und Wegkreuze bilden hier Hilfe, da diese in der Regel an Straßen stehen und mit etwas Glück sogar eine Jahreszahl haben. Jedoch stammen die ältesten datierten Kreuze aus dem 18. Jahrhundert, und viele sind außerdem längst nicht mehr an ihrem ursprünglichen Platz. In der Bevölkerung einer Region hat sich oft Wissen über Kreuze, die nicht mehr existieren oder über deren ursprüngliche Standorte erhalten. Ebenso verhält es sich mit Hohlwegen, die zu einem hohen Prozentsatz nur noch in Waldstücken auszumachen sind. Viele davon schon zugefüllt. Gerade die Älteren jedoch haben Erinnerungen an die Zeit vor der Flurbereinigung und können wertvolle Hinweise zu verschwundenen Wegen geben oder wissen von Geschichten oder Sagen, deren Wahrheitskörnchen wir verwenden oder nachgehen können. 

Welcher „Strassenfund“ war bisher ihr schönster, ihr ganz persönlicher Höhepunkt, und wie sind Sie darauf gestoßen?

Wenn Sie mich so fragen, eigentlich der erste, das Bodendenkmal bei Schachendorf. Allerdings war das zu einer Zeit, als ich noch der naiven Meinung war, im ganzen Landkreis gäbe es vielleicht etwa zehn solcher Wege. Inzwischen umfasst unsere Datenbank etwa 15000 Trassenabschnitte. Und das ist nur die Spitze des Eisberges. Der Hype kommt eigentlich mit dem Verständnis, wie alles zusammenhing. Wie viele Wege sich mit heutigen Straßen noch decken, wenn man nur genau hinschaut, bzw. auch komplett anders verlaufen, als man sich das heute vorstellen will.

Macht man bei solchen Strassenexkursionen auch manchmal ganz überraschende Entdeckungen, sowohl bzgl. Wegen oder Strassen, aber auch anderer Dinge aus der Vergangenheit?

Ich bin eigentlich der, der nicht mal einen Cent am Boden entdeckt, während einer meiner Freunde sich schnell mal nach einem Zehn-Euro-Schein bückt. Sicher werden auch Gegenstände von archäologischem Wert gefunden, wie römische Lanzenspitzen, ein Sesterz, Mittelalterpfennige oder auch Hufeisen und Pfeilspitzen. Aber solche Funde tragen oft nur sehr vage zu einer Datierung bei, denn derartige Gegenstände können auch nur Teil von Handelsgut gewesen sein, das noch dazu wesentlich später transportiert wurde, als die Zeit ihrer Herstellung. Römische Münzen kann man auch in China finden. Das bedeutet aber nicht, das dort jemals Römer zu gegen gewesen sind. Etwas anders verhält es sich mit Funden aus dem Dreißigjährigen Krieg oder den Hussitenkriegen. Straßentechnisch interessant wird es dann, wenn man unter einem mittelalterlichen Weg einen aus der Keltenzeit entdeckt, was vor ein paar Jahren Im Teutoburger Wald gelang. 

Aber es müssen nicht unbedingt Objekte sein, die einen faszinieren. Es kann auch durch mündliches Tradieren vor dem Vergessen bewahrtes Wissen um Straßen oder Gehöfte sein, das einem herangetragen wird, und das nicht selten bis zurück zum Dreißigjährigen Krieg reicht. Da öffnen sich sehr spannende Zeitfenster.

Ist das Thema eigentlich für Sie „mystisch“, also rätselhaft und unergründlich?

Ich würde es eher in gewisser Weise als romantisch bezeichnen, denn man stellt gedanklich in jedem Fall eine Verbindung zur Vergangenheit her. Unergründlich nein, denn Licht ins Dunkel zu bringen ist ja unsere selbstgewählte Aufgabe.

Das muss ich jetzt natürlich fragen. Welches Ausflugsziele im Bayerischen Wald muss man Ihrer Meinung nach unbedingt gesehen haben?

Nun, ein echter Waidla würde jetzt wahrscheinlich sagen: „Die Menschen, der Wald, das Schwammerlsuchen…“. Wenn man jetzt einmal von den typischen Hochburgen absieht: Allgemein die herrliche Mischwaldlandschaft des Vorgebirges des Bayerischen Waldes nördlich des Gäubodens oder der Donau, die ehemaligen Hochalmwiesen der Schachten, von denen eine bei Bodenmais sogar noch in Benutzung ist, der Lackerberg, der einzige Ort des Bayerwaldes, an dem sich der seltene Ungarische Enzian findet. In jedem Fall auch der Lamberg bei Cham, ein Muss für alle geschichtlich interessierten aber auch spirituell geprägten Menschen, die ihn als „guten Ort“ bezeichnen würden.

Bieten Sie auch Führungen zum Projekt Via Chamaria an ?

Wenn es Leute gibt, die sich dafür interessieren, so kann ich das gerne machen. Wieder kann ich den keltischen Lamberg nennen, denn in der Antike kenne ich mich ja etwas aus. Es besteht natürlich auch die Möglichkeit von Wanderungen „auf“ Altstraßen, quasi auf historischem Boden.

Vielen Dank für die Mühe und die Beantwortung der Fragen.

Ich habe zu danken.

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